Der Aero Hype – warum man Birnen nicht mit Äpfeln vergleicht

arodynamik radsport

Wenn wir alles glauben würden, was uns die Werbung versucht einzutrichtern, müssten wir glauben das jedes Rennrad, jeder Laufradsatz und jedes noch so kleine Zubehörteil das prädikat „aero“ verdient hat. Wer glaubt denn bitte wirklich, das all diese Produkte jemals einen Windkanal von innen gesehen haben?

Um das Prädikat „aero“ herrscht ein riesen Hype, und logisch will jeder ein Stück vom Kuchen haben.

Aber mal ehrlich, nur weil man sich ein windschnittigeres Rennrad zulegt, wird man schneller?

Das Rennrad macht nicht mal 30% aus. 70% macht immer noch der Radsportler. Warum gibt es dann aber in letzter Zeit einen solchen Hype um alles mit der Aufschrift „areo“? Es ist ein Verkaufs-Tool, natürlich! Herstellern ist es nicht möglich, Sportler selbst aerodynamischer zu machen, also müssen passende Produkte her.

Ich bin keineswegs der super-Experte in aero Angelegenheiten, und wenn man etwas nicht weiß, ist es keine Schande das zuzugeben. Aber wie immer im Leben hilft es, wenn man jemanden fragt, der sich damit auskennt. Hier kommt Mike „Lotus Superbike“ Burrows ins Spiel. Dieser ist schon länger in der Bike-Branche unterwegs, als ich alt bin und berichtet vom Keogh Body Shield, welches schon 1894 in New York zum Patent angemeldet wurde. Richtig – 1894! Damals laut Patenbeschreibung schon dazu gedacht, Radfahrern durch Verringerung des Luftwiderstandes das Leben leichter zu machen, und dabei schneller vorwärts zu kommen.

Keogh-Body-Shield-1894

Einer der Menschen, die sich seit Jahren dem Thema aero verschrieben haben, ist Gerard Vroomen, Mitbegründer von Cervélo und Vater des 3T Strada. Dieses Rad wurde komplett um seine Reifen herum gebaut, und zeigt, wie Aerodynamik heute aussieht.

Insgesamt wurden die Spaltmaße zwischen Rahmen und Laufrädern auf ein Minimum reduziert, 3T entwarf für das Strada das spezielle Arcfoil-Rohrprofil, welches am Unterrohr zum Einsatz kommt. Das Unterrohr ist so ausgeformt, dass es den Luftwiderstand an mehreren Punkten minimieren und somit Verwirbelungen auf ein kleinstmögliches Maß reduzieren soll.

Das wohl offensichtlichste Feature des 3T Strada ist der Einsatz eines 1x11er Antriebs. Aufgrund der Verfügbarkeit von gut abgestimmten 11fachKassetten wie der 1×11 Force Gruppe von SRAM versuchte 3T mit dem Verzicht auf Umwerfer und zweites Kettenblatt einen Vorteil bezüglich der Aerodynamik zu erreichen, ohne Kompromisse bei der Gangwahl eingehen zu müssen. Laut 3T hat man sich mit dem Einsatz eines einfachen Ketteblatts vorne dem beim Design von Aerobikes lange Zeit vernachlässigten Bereich um das Tretlager herum gewidmet, um die Aerodynamik zusätzlich zu verbessern und das Hinterrad noch besser abzuschirmen.

3t strada

Vroomen klärt gleichzeitig auch einige Mythen rund um das Thema Aero auf. Er beharrt darauf, das aero-Teile und Räder von normalen Menschen im Schnitt mit 30 km/h gefahren werden, und genau dafür sollten diese entwickelt werden. Der Standard für Aero Bikes im Windkanal ist derzeit 30 mph(48 km/h). Seine Räder werden bei 21 mph(34 km/h) getestet. Genau dies ist laut Vroomen die Schlüsselgeschwindigkeit.

Zum Beispiel hat DT Swiss gezeigt, dass der niedrigere Rollwiderstand von 28mm Conti GP4000 sie schneller als 25mm GP4000 macht. Aber nur bei Geschwindigkeiten unter 35 km/h.

Es ist heute aber auch zu einfach, sich von der Aero-Wissenschaft blenden zu lassen, weil viel zu oft Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Das ist etwas, das der Kanadier Len Brownlie seit einiger Zeit ändern möchte. Brownlie hat über 30 Jahre Erfahrung in Aerodynamik, einen Doktortitel in Kinesiologie, einen Doktortitel in Aerodynamik und betreibt Aerosports Research, eine Firma die ihren Schwerpunkt auf Aero-Konzepten hat, und für Nike, viele Profi-Radsportteams, Olympia-Speed-Skater und Radmarken konzipiert. Er entwickelte auch für Smith Optics deren Aero Overtake Bike Helm, der heute als Groẞvater der Aero Radhelme gilt.

smith aero overtake helm

Laut Brownlie neigen Hersteller dazu, Behauptungen über Aerodynamik aufzustellen, die kein normaler Radsportler überprüfen kann, und somit deren Werbeversprechen ausgeliefert ist.

Hersteller messen den Widerstand in eigenen Vorgaben von Tabellen und Graphen, und stellen diese Ergebnisse den Verbrauchern zur Verfügung. Jedoch sagen diese Werte nichts aus, da nicht jedes Produkt für den selben Einsatz, Geschwindigkeite und andere Faktoren konzipiert ist.

So macht es wenig Sinn, einen Zeitfahrhelm gegen einen Helm eines normalen Triathleten zu testen. Jedoch ist dies üblich. Klar gewinnt am Ende der Helm des Zeitfahrers, aber hat dieser auch Vorteile während eines 200 km Radrennens?

Dies alles sind Punkte, die bei Tests nicht angesprochen werden. Das Spielchen könnte man bei Felgen, Rahmen etc bis ins Nirvana treiben. Am Ende heiẞt es dann, Produkt D ist „das schnellste“ und bekommt das Prädikat – Sieger Aero, oder was die Industrie sich sonst einfallen lässt.

Beantwortet ist am Ende aber eine Frage noch immer nicht – welches Produkt eigentlich das aerodynamischste ist, also unter den meisten Bedingungen.

Easton Cycling forderte zum Beispiel seit Jahren die Industrie auf, als Standard den Wind Averaged Drag (WAD) zu übernehmen. Dies ist ein analytisches Werkzeug, das ursprünglich in der Automobilindustrie während der Energiekrise der 1970er Jahre von Forscher Ken Cooper entwickelt wurde, der an den Auswirkungen des Widerstandes auf die Kraftstoffeffizienz eines Autos arbeitete.

Wind Averaged Drag(Der Durchschnittswert des Luftwiderstandes) wurde 2009 von Brownlie langsam eingeführt, beginnend mit der Prüfung für Giro’s Air Attack Helm. Jedoch weigert sich so mancher strikt, diesen Wert anzunehmen, da dann das eigene Produkt plötzlich nach reellen Werten gemessen wird, und nicht nach eigenen Vorgaben, um sich anschliessend als Testsieger zu bezeichnen.

Die Verbraucher, die ein aerodynamisches Rad oder Produkt suchen, brauchen eine einzige Einheit, die Ihnen hilft festzustellen, welches Produkt für sie am besten ist“, glaubt Brownlie. „Der Wind Averaged Drag ist perfekt dafür geeignet. Er ist richtig. Er macht Sinn.“

Eastons rief 2010 mit einer wissenschaftlichen Arbeit von Brownlie vor einigen Jahren Radmarken und andere Unternehmen aus der Radsport Industrie dazu auf, die WAD-Formel anzunehmen. Das Ergebnis ist bis heute…

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